Monatswanderung August 2016

Höhen und Tiefen an der Kantonsgrenze

Die Sedelegg ist ein beliebter Aussichtspunkt mit Panoramatafel, die bei der Orientierung gute Dienste leistet. Um diesen Aussichtspunkt zu schützen, hat der Verkehrsverein Fischingen weit vorausschauend – lange vor jeder Raum- und Zonenplanung – die Landparzelle gekauft und mit einem Bauverbot geschützt. Der Rastplatz mit Feuerstelle ist sehr beliebt und intensiv genutzt, leider manchmal auch verschandelt. Im Bereich der Sedelegg standen mehrere Bauernhöfe, Johann Adam Pupikofer gibt in seinen „Gemälden der Schweiz“, 1837, acht Höfe an. Der letzte brannte gegen Ende des 19. Jahrhunderts ab. Dem sehr intelligenten, aber gegen die Obrigkeit aufmüpfigen Besitzer, wurde Brandstiftung angelastet. Ohne klaren Schuldnachweis wurde er ins Gefängnis gesperrt, wo er starb. Sein Knecht gestand Jahre danach die Brandstiftung als Racheakt gegen seinen ungeliebten Herrn. Seit über hundert Jahren gehört das Land mit den umfangreichen Waldungen der Korporation Sedelegg, die das Landwirtschaftsland verpachtet hat und den Wald selber bewirtschaftet.

Der Steinenbach hat sein Quellgebiet am Hörnli und bildet an seinem Oberlauf die Kantonsgrenze zwischen Thurgau und Zürich. Die Höfe Horn, Meiersboden und Reggtal am rechten Bachufer gehören zur Gemeinde Fischingen TG, die linksufrigen Höfe Wolfen und Cholwies zur Gemeinde Bauma ZH. Die Thurgauer Bewohner im Steinenbachtal führen das Leben, wie es für viele Grenzgebiete typisch ist. Sie sprechen Zürcherdialekt und sind dem Wasser entlang orientiert, also Steinenbachtal abwärts nach Turbenthal und Winterthur. Die Kinder besuchen die Schulen im Kanton Zürich. Das ist seit langer Zeit in einem Staatsvertrag zwischen den beiden Kantonen geregelt. Ihre politischen Rechte aber üben die „Steinenbächler“ im Thurgau aus, wo sie ihre Steuern bezahlen. Das Steinenbachtal ist die Grenzgebiet zwischen dem reformierten Zürich und dem katholischen Hinterthurgau. Das Steinenbachtel, so bescheiden es erscheint, trägt alle Merkmale einer Grenzregion, mit denen sich die Bewohner in ihrem Alltag arrangieren müssen.

Unsere Rundwanderung – grösstenteils abseits der offiziellen Wanderwege – beginnen wir auf der Sedelegg, die man am besten von Sitzberg her erreicht, das auch vom öffentlichen Bus bedient wird. Wir wenden uns nach Südwesten und folgen der Flurstrasse, später einem schmalen Pfad steil abwärts. Der Spätsommer bietet am Wegrand eine reiche Flora, die von vielen Insekten und Faltern besucht wird. Falls man nicht den genau hier vorgesehenen Abstieg findet, trifft man anstatt bei Reggtal wenig weiter talabwärts in Steinen auf die Strasse, der wir talaufwärts folgen. (Man kann die Wanderung übrigens auch in Steinen beginnen, das mit dem öffentlichen Bus versorgt wird.) Nach dem Weiler Meiersboden überqueren wir eine kleine Brücke. Auf der Zürcher Seite steht ein Wohnhaus, auf der Thurgauer Seite die Knochenstampfe, wo in alter Zeit Knochen zu Dünger zermahlen wurden. Unter der Brücke durch führt eine Antriebswelle, mit der die Wasserkraft des Steinenbachs in der Werkstatt des Wohnhauses genutzt werden konnte. Etwas weiter bachaufwärts ist die alte Staueinrichtung zu sehen. Ein Stück Industriegeschichte im Kleinformat. Bevor die Strasse rechts nach Heurüti hinaufführt, überqueren wir den Steinenbach nach links und folgen einem verwachsenen Weg durch die Weiden aufwärts. Es gilt einige Zäune zu überwinden, denn das steile Gelände wird vorwiegend extensiv beweidet. Nach Durchquerung eines verwilderten Feuchtgebietes gelangen wir auf der „Ackerwieshöhe“ auf die Strasse Rotbühl-Allenwinden, an deren Rand wir links dem Panorama-Wanderweg über Rotbühl nach Sedelegg folgen. Etwas über der Mitte treffen wir die beiden ehemaligen Schulhäuser von Dingetswil an, der ehemals höchst gelegenen Schule im Thurgau. Das erste Schulhaus stammt aus dem Jahr 1837, das neue wurde 1908-09 erbaut und 1998 mangels Schülern geschlossen. Die heutigen Besitzer haben es zu einem Wohnhaus umgebaut.

Damit man sich‘s gemütlich einrichten und die herrliche Natur geniessen kann, setzt man für die Rundwanderung sicher 3 ½ Stunden ein. Wer mit dem öV anreist, rechnet von Sitzberg zur Sedelegg ½ Stunde, ab Steinen braucht man keine zusätzliche Zeit einzurechnen.

 

Wer gern den Puls wilder Natur spürt und über die nötige Kondition verfügt, kann anstatt den Wegen den Bächen folgen. Zum Beispiel dem Steinenbach bis hinauf in sein Quellgebiet am Hörnli. Aber aufgepasst, da gibt es such gefährliche Passagen und Felswände. Eine diskrete Ahnung von der Bachtobelgeografie erhält man auf dem Weg von Sedelegg hinunter zum Reggtal, wo man vom sicheren Weg aus die Wildheit der Natur sieht. Interessant und natürlich etwas anspruchsvoller, ist auch der Aufstieg entlang dem Bach, der zwischen Meiersboden und Wolfen links hinauf nach Rotbühl führt. Mit einer solchen Bachtobelerkundung wird der Zeitbedarf entsprechend grösser. Da lohnt es sich, einen Tag einzusetzen, ein Grillfeuer vorzusehen und die Ruhe und Wildnis des thurgauisch-zürcherischen Grenzgebietes in vollen Zügen zu geniessen.

Download Routenblatt: Monatswanderung August 2016